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Zwischen politischer Aussage und Kommerz, 01.05.2013, Deutschlandfunk

Vor zehn Jahren initierten Kreuzberger Anwohner das MyFest, um ein Statement gegen die Krawalle rund um den 1. Mai zu setzen. Aus dem Nachbarschaftsfest von damals ist heute ein Event mit bis zu 20 Bühnen geworden. Ein Fest der Vielfalt, sagen die einen, zu kommerziell, kritisieren andere.


Der Mythos der Kreuzberger Randale geht auf das Jahr 1987 zurück. Damals war die Polizei komplett überfordert und musste sich für mehrere Stunden aus dem Bezirk zurückziehen – ein Sieg, den die autonome Szene in den Folgejahren immer wieder feierte. Es wurden zwar immer größere Polizeiaufgebote in den Bezirk geschickt, die hart gegen Randalierer vorgingen, aber sie konnten das Chaos nicht verhindern. Im Gegenteil. Je mehr Polizei zu sehen war, desto stärker wurden die Auseinandersetzungen – eine Gewaltspirale, die erst gestoppt wurde, als Kreuzberger Anwohner sich zur Wehr setzten.

2003 organisierten sie dort, wo vorher Autos angezündet und Steine geworfen wurden, ein Straßenfest.

"Das MyFest steht für die Eroberung der Straße dieser bestimmten Orte. Wir haben 19 bis 20 Bühnen dort, die unterschiedlichste Musik machen, von Rock bis zu Weltmusik. Es soll auch die Vielfalt Kreuzbergs wiedergeben und aufzeigen","

sagt Ipek Ipekcioglu, die in diesem Jahr das Programm der Bühne am Heinrichplatz organisiert hat. Sie ist Aktivistin des Künstlernetzwerks Kanakwood und DJane im Kreuzberger Klub SO36.

""Ich habe ungefähr zehn Bands, die unterschiedliche Sprachen singen - zum Beispiel Mavis Güneser und Kemal Kahraman, die für Zaza und kurdische Identität in Kreuzberg stehen. Dann habe ich San Ima, das ist eine Brazil Electro Band. Ich habe auch Carawane, die eine arabische Band ist, die Rai singen."

Und Rap mit sozialkritischen Texten gibt es natürlich auch – zum Beispiel von Jom & Tony eingeladen, einer der angesagtesten Hip-Hop-Bands Berlins.

"Bei den Engagements gucke ich, wie gut sind die Bands, wie up tempo sind die Bands, je später die Stunde. Und natürlich geht es mir darum, dass sie antirassistisch sind, antinationalistisch sind, antisexistisch und antihomophob sind."

Denn die politische Botschaft soll trotz der guten Laune, die das MyFest verbreitet, nicht unter den Tisch fallen. In den letzten Jahren hatte es Kritik gegeben, die Organisatoren würden den eigentlichen Sinn des Festes aus den Augen verlieren. Der Eintritt zu den Konzerten sei zwar frei, aber im Grunde ginge es nur noch um das Geschäft am Straßenrand, den Verkauf von Döner und Bier .

"Ich teile diese Meinung, und das teilt auch die Maifest-Crew. Dass uns das alles viel zu kommerziell geworden ist. Wir versuchen als Bühnenmacher, das etwas politischer zu gestalten. Aber durch die ganzen Gewerbetreibenden dort, die drüber hinweg kucken und sogar den Standnachbarn wegjagen, der ein Anwohner ist, weil sie sagen: Wir haben das Recht, hier Geld zu verdienen und dabei aber nichts zurückgeben. Das finde ich sehr schwierig. Am liebsten würde ich die alle schließen."

Denn eine Tradition des MyFests ist es auch, dass sich die Anwohner durch Kuchen- und Getränkeverkauf vor ihren Häusern etwas dazuverdienen. Das Gerangel, wer wo seinen Stand aufbauen darf, war in den letzten Jahren groß. Inzwischen wird darüber zentral im Bezirksamt entschieden.

Die politische Bedeutung des Festes soll nun erstmals durch eine Erklärung in Erinnerung gerufen werden, die vorab aufgezeichnet wurde und um 15, 18 und 21 Uhr auf allen Bühnen des Festes zu hören sein wird. Ipeks Bruder Soner Ipekcioglu gehört zu den Autoren.

"Es geht um die Gentrifizierung in Kreuzberg, es geht um Rassismus in Kreuzberg – nicht nur Rassismus von Deutschen, sondern auch von Türken und sonstigen Menschen. Es geht um Sexismus. Wir beziehen keine Stellung, ob wir links oder rechts, oben oder unten sind. Wir sagen, wo wir stehen.

Zum MyFest soll keiner kommen, der ein Problem mit Schwulen und Lesben hat. Es kann nicht sein, dass Menschen als Huren und Nutten bezeichnet werden, nur weil sie weiblichen Geschlechts sind. Das darf nicht sein. Dazu wollten wir Stellung beziehen."

Die Rede hat mehr mit den Alltagsproblemen der Menschen in Kreuzberg zu tun, als die Parolen der Autonomen, die auch für heute in Kreuzberg eine unangemeldete Demonstration angekündigt haben. Das Polizeiaufgebot ist trotz Erfahrungen der letzten Jahre, wo Krawalle weitgehend vermieden werden konnten, massiv. 7000 Beamte sind im Einsatz.

"Es gibt auch eine sehr enge Zusammenarbeit vom MyFest mit der Polizei. Die Polizei reagiert an dem Punkt auch sehr gut. Wir haben ja Absprachen, wann die Musik beginnen soll, wann die Musik vielleicht eine Pause machen soll oder wann die Musik ganz aufhören soll."

Doch die Organisatoren des MyFests wollen auf gar keinen Fall als Erfüllungsgehilfen der Staatsgewalt gesehen werden. Soner Ipekcioglu betont:

"Unsere Aufgabe ist nicht nur mit den Anwohnern zu arbeiten, sondern auch den Polizisten zu sagen: "Hey, das ist unser Fest. Wenn ihr draußen bleibt, läuft es hier friedlich. Wenn ihr rein kommt, läuft es hier nicht friedlich."

Denn manch ein Krawall wurde schon durch ungeschicktes Agieren von Polizeibeamten ausgelöst. Doch je länger es das MyFest gibt, desto lockerer werden alle Beteiligten. Die Stimmung ist längst nicht mehr so explosiv, wie vor zehn Jahren. Kreuzberger Jugendliche besuchen sogar Workshops bei der Polizei.

"Es geht um Deeskalation. Es geht darum, dass man nicht nur mit Kampf und Gewalt ein Problem löst, sondern es geht darum: Wie kann man ein Problem lösen, indem man zuredet. Manchmal ist ein Problem sehr klein, weil unser Temperament ist sehr viel. Der Umgang mit dem Temperament spielt eine ganz große Rolle."

Jugendliche, die über 18 sind, werden beim Fest sogar als Ordner eingesetzt. In Kreuzberg hat ein Paradigmenwechsel stattgefunden. Die Straße gehört nicht mehr gewaltbereiten Steinewerfern, sondern den Anwohnern, die in eigener Regie ihr MyFest gestalten.

Von Oliver Kranz

Quelle: http://www.deutschlandfunk.de/zwischen-politischer-aussage-und-kommerz.807.de.html?dram:article_id=245272

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Heraus zum 15. MyFest

Das MyFest ist das seit 2003 jährlich am 1. Mai (Tag der Arbeit, Maifeiertag bzw. Kampftag der Arbeiterbewegung) stattfindende Kundgebung in Berlin-Kreuzberg, das sich an alle richtet und ein großes Angebot bietet. Der Name wird wie „Maifest“ ausgesprochen und ist ein Kunstwort aus diesem Begriff und dem Englischen „my“ für „mein“. Organisiert wird es vom MyFest e.V.

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