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Das Myfest in Berlin – Berlins Statement gegen Gewalt, fplusd.org, 23.04.2013

Weltweit wird der 1. Mai als internationaler Tag der Arbeit gefeiert. Es ist allerdings auch ein Datum, an dem es immer wieder zu Auseinandersetzungen mit der Polizei kommt.

Seit 25 Jahren ist besonders das Berliner Viertel Kreuzberg in der Nacht des 1. Mai Bühne der Gewalt und Verwüstung.
Um dem nicht tatenlos gegenüberzustehen, organisieren Vereine und Bewohner des Viertels seit 2002 jährlich das Straßenfestival MyFest. Ein Kult gewordenes großes Volksfest gegen Gewalt und Diskriminierung.

In Frankreich und Deutschland ist der 1. Mai – der Tag der Arbeit – ein wichtiges Datum an dem traditionell Frühlingsfeste gefeiert werden. Die Franzosen verschenken zum Beispiel Maiglöckchensträuße, ein Brauch, der auf König Karl den IX. zurückgeht. Die Deutschen feiern hingegen die „Walpurgisnacht“, ein heidnisches Frühlingsfest (vom 30. April auf den 1. Mai). Große Feuer werden entfacht, um böse Geister zu vertreiben.

Der Ursprung des 1.Mai-Feiertages lässt sich auf das Jahr 1889 in Paris zurückverfolgen – während des Internationalen Arbeiterkongresses wurde dieser Tag als jährlicher Streiktag ausgerufen. Die Symbolträchtigkeit des 1. Mai wird im Laufe des 20. Jahrhunderts von unterschiedlichen Kräften in Frankreich und Deutschland für die eigenen politischen Ziele genutzt. Diese historische Bedeutung führt dazu, dass dieser Tag heute in beiden Länder ein Feiertag ist. Am 1. Mai schwingt heutzutage auch immer eine politische Komponente mit. In den beiden Ländern organisieren Gewerkschaften, militante Kommunisten aber auch extrem rechte Gruppierungen Veranstaltungen und Demonstrationen.

Auch wenn diese nur selten zu Unruhen ausarten, war Kreuzberg, das damals in Westberlin lag, in der Nacht vom 1. auf den 2. Mai 1987 in Aufruhr. Der Grund: die Situation der Gesellschaft war sehr angespannt.  Zehn Geschäfte wurden verwüstet, der Supermarkt Bolle in der Wiener Straße ging in Flammen auf und wurde so zum Symbol der Proteste, die sich von Jahr zu Jahr immer mehr zu einem Ritus des Berliner 1. Mai entwickelten. Unter den Streikanstiftern findet man Mitglieder der „Autonomen Szene“, aber vor allem Jugendliche, Besoffene oder auch Touristen, die nach Adrenalin lechzen. Die Nächte um den 1. Mai bringen die Bewohner des Berliner Viertels Kreuzberg zur Verzweiflung. Sie verbarrikadieren sich zu Hause, um sicher zu sein. Trotz der hohen Polizeipräsenz kommt es jedes Jahr auf beiden Seiten zu mehreren hundert  Verletzten.

Seit 2002 versperrt auf Initiative von Silke Fischer Myfest mit seinen Freiluftkonzerten in den Straßen Kreuzbergs den Randalierern den Weg.

MyFest: ein beliebtes Fest

Soner Ipekcioglu ist bereits seit mehreren Jahren für die Öffentlichkeitsarbeit des Festivals verantwortlich. Er hat die Entwicklung dieses ganz besonderen Festes miterlebt.

Beim ersten MyFest wurden fünf Bühnen auf der Oranienstraße aufgebaut. Die Idee dahinter: die Strecke der Randalierer zu blockieren; viele Menschen sollen bei diesen Konzerten zuhören. Das Festival wird vom Senat und der Polizei des Bundeslandes Berlin unterstützt. Es ist allerdings abgesprochen, dass letztere sich nicht in die Organisation des Festivals einmischen. Die Einwohner sind jedoch umso mehr eingebunden – auf Anfrage können sie sogar mit einem eigenen Stand vertreten sein, an dem sie ihre kulinarischen Köstlichkeiten verkaufen. Der Erfolg ist deutlich zu sehen: die Straßen sind voller Menschen und die Bühnen ziehen einige tausend Besucher an.

„In den ersten Zeiten, war es so, dass wir die Krawalle nach hinten geschoben haben. Die fingen früher um 18 Uhr an und jetzt fangen sie erst um Mitternacht an“, erklärt Soner Ipekcioglu. Das MyFest wird von einer „Crew“ organisiert, also von einer Gruppe ohne juristische Struktur. Sie besteht aus 40 und bis zu 60 Leuten, oftmals Musikliebhaber, mit einem Verantwortlichen für jede Bühne. Um diese „Crew“ herum arbeiten jedoch weitere 1.000 Personen, die sich um den reibungslosen Ablauf des Festivals kümmern.

Die Musikstile sind sehr unterschiedlich. Die bekannte DJane Ipek – die niemand anderes als die Schwester von Soner Ipekcioglu ist, hat auf die Bühne « ImPort ExPort » unter anderem ein Bossa-Nova-Duo, eine Balkan-Brass-Band aus Paris und eine Elektro-Cumbia Truppe eingeladen. In diesem Jahr werden auf 19 Bühnen von 13 Uhr bis Mitternacht 144 Konzerte stattfinden.

Ein solidarisches und engagiertes Festival

Auch wenn die Organisatoren des MyFest jede politische, kommerzielle oder auch religiöse Instrumentalisierung verweigern, ist das diesjährige Festival etwas besonders. Da zum einen das Flüchtlingscamp noch auf dem Oranienplatz und somit im Festival-Bereich ist. Und zum anderen ist Kreuzberg aktuell eines der Viertel, welches am stärksten von der Gentrifizierung betroffen ist. Um 18 Uhr unterbrechen die Veranstalter deshalb kurz das Musikprogramm auf allen Bühnen und verbreiten einen vorher aufgenommenen Aufruf gegen Gewalt, für mehr Toleranz, für Solidarität mit den Flüchtlingen aber auch gegen Mieterhöhungen.
„Das MyFest richtete sich gegen die Gewalt auf unseren Straßen. (...) Jetzt wird gegen uns Gewalt angewandt. Die Gewalt kommt als Mieterhöhung. Die Nachbarn von uns, die die hohen Mieten nicht zahlen können müssen weg. Sie werden vertrieben. (…)“

Abgesehen von den wirtschaftlichen und sozialen Schwierigkeiten, mit denen sich die Bewohner Kreuzbergs konfrontiert sehen, ist es dem Festival MyFest in einigen Jahren gelungen, die Gewalt, die sich jedes Jahr im Viertel zum 1. Mai zeigte, zu reduzieren. Das MyFest ist ein beliebter Treffpunkt der jungen Berliner geworden, um die Rückkehr der schönen, warmen Tage zu feiern.

„Letztes Jahr saßen wir, Silke Fischer und ich, nachts um 2 auf der Oranienstraße, da haben wir überlegt ob sich das MyFest vielleicht selbst überlebt hat. Hat das MyFest jede seiner Aufgaben erfüllt? Was passiert wenn es das MyFest nicht mehr gibt? Würden die Krawalle wieder anfangen? Wissen wir nicht...“, stellt Soner Ipekcioglu abschließend fest.
„Es ging uns darum, dass wir eine andere Generation von Jugendlichen sehen wollten, die ohne Krawalle aufwächst und ich denke, das haben wir auch erreicht.“

Von Alain Le Treut, den 23.04.2013

 

Quelle: http://www.fplusd.org/kultur-und-alltagsleben/politik-und-geschichte/das-myfest-in-berlin-berlins-statement-gegen-gewalt/

Letzte Änderung amDonnerstag, 02 Mai 2013 11:38

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Heraus zum 15. MyFest

Das MyFest ist das seit 2003 jährlich am 1. Mai (Tag der Arbeit, Maifeiertag bzw. Kampftag der Arbeiterbewegung) stattfindende Kundgebung in Berlin-Kreuzberg, das sich an alle richtet und ein großes Angebot bietet. Der Name wird wie „Maifest“ ausgesprochen und ist ein Kunstwort aus diesem Begriff und dem Englischen „my“ für „mein“. Organisiert wird es vom MyFest e.V.

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