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1.Mai – überholtes Ritual oder nötiger Widerstand?, polizeikongress2013.blogsport.de, 9. April 2013

Liebe Kreuzbergerinnen und Kreuzberger,
in einigen Tagen wird unser Kiez wieder zum Aufmarschgebiet Tausender Polizisten und Schauplatz einer Demonstration, die entweder als „revolutionär“ oder als „sinnentleertes Gewaltritual“ bezeichnet wird. Der Berliner Senat und der Bezirk haben in der Vergangenheit weder Kosten noch Mühen gescheut um den 1.Mai zu entpolitisieren und die Demonstrierenden als „betrunkene Chaoten“ zu diskreditieren.

Dazu wurde mit dem Myfest eine Fress- und Saufmeile erfunden, die Weihnachtsmarkt, Karneval und Love Parade vereint und den BesucherInnen das Gefühl einer politischen Party geben soll, obwohl sie nur als Deckungsmasse für die in den Höfen stationierten Polizeihundertschaften instrumentalisiert werden.

Zugegeben, die Ereignisse am 1.Mai waren in den letzten 26 Jahren nicht immer erfreulich. Betrunkene haben idiotische Sachen gemacht und so manch zerstörtes Auto war überflüssig. Allerdings hat sich der in den Medien beschriebene Krieg der Autonomen gegen die AnwohnerInnen nur in den Hirnen der Zeitungsredaktionen abgespielt. Immer haben auch Menschen, die in diesem Kiez wohnen, sich an den Auseinandersetzungen beteiligt, die früher auch von einer Mehrheit unterstützt wurden.
Ohne die Entwicklung diese Tages bis ins Detail analysieren zu wollen, ist es natürlich so, dass Krawalltouristen hinzugekommen sind und KiezbewohnerInnen durch die Mietentwicklung verdrängt wurden, bis es den Organisatoren des Myfest gelang sich als Sprachrohr der KreuzbergerInnen verkaufen zu können.

Wir wollen hier nicht die Straßenschlachten mit der Polizei glorifizieren und auch nicht die gelegentlichen Plünderungen, aber wie seht ihr die Entwicklung in
SO 36?
Ist es nicht so, das die Gegend mit monotoner Gastronomie nur noch für Touristen interessant ist und ein großer Teil der BewohnerInnen den Kiez schon verlassen musste weil sie die Miete nicht mehr bezahlen können?
In einem aktuellen Artikel im Tagesspiegel wird noch eine viel schlimmere Entwicklung der Wohnungsmieten vorher gesagt, was andere sehr erfreut.

Der Protest gegen die Lebensbedingungen in dieser Stadt hat 1987 zu einer unerwarteten Explosion geführt, über deren Erbe heute gestritten wird. Keines der damaligen gesellschaftlichen Probleme ist vom Staat gelöst worden – warum auch, ist doch der eigene Machterhalt seine einzige Aufgabe.
Deshalb war es richtig in der Vergangenheit öfter mal auszuprobieren, wo denn die Grenze zwischen unserem Anspruch auf Veränderung und dem staatlichen Gewaltmonopol liegt. Das dabei auch viele Fehler gemacht wurden ist selbstverständlich, kann aber nicht zu unserem einseitigem Frieden mit dem System führen.

Wir sollten versuchen, gemeinsam das Ritual von verbaler Radikalität und gleichzeitiger Unfähigkeit dem kapitalistischen Normalzustand etwas entgegen zustellen, zu überwinden. Im Februar ist bei der Zwangsräumung in der Lausitzer Str. ein möglicher Ansatz sichtbar geworden. Wer den 1.Mai nur als Gelegenheit sieht um mit einem Stand auf dem Myfest Geld zu verdienen, die eigene Bar zu füllen, einmal nur von den Bullen als Myfest Ordner respektiert zu werden, besoffen in Hauseingänge zu pissen oder aus der 10. Reihe einen Stein in die eigenen Leute zu werfen, wer nur Randale Fotos machen will oder auf der Suche nach einer Eigentumswohnung ist, soll sich hier nicht angesprochen fühlen.

Von allen anderen erhoffen wir uns eine Beteiligung an dem diesjährigen Krawall, den die Polizei mit Sicherheit provozieren wird, wenn wir nicht vorher damit anfangen. Eine Beteiligung muss nicht im Steine schmeißen bestehen, sie kann auch Kritik an der Demo oder an „den Autonomen“ sein, sie kann auch Kunst sein oder irgendeine subversive Sache die wir uns bislang nicht vorstellen können.
Damit die Bullen nicht später sagen, es wäre friedlicher als in den Vorjahren gewesen.
Damit die BZ nicht später schreiben kann, es wäre wie im Krieg gewesen.
Damit das Bezirksamt sich nicht später wieder für das Myfest loben kann.
Damit nicht unerfahrene Jugendliche später in U-haft sitzen.
Damit die Krawalltouristen auch nächstes Jahr wieder kommen.
Damit die Immobilien Spekulanten nicht in Kreuzberg investieren wollen.

Letzte Änderung amDonnerstag, 18 April 2013 10:33

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Heraus zum 15. MyFest

Das MyFest ist das seit 2003 jährlich am 1. Mai (Tag der Arbeit, Maifeiertag bzw. Kampftag der Arbeiterbewegung) stattfindende Kundgebung in Berlin-Kreuzberg, das sich an alle richtet und ein großes Angebot bietet. Der Name wird wie „Maifest“ ausgesprochen und ist ein Kunstwort aus diesem Begriff und dem Englischen „my“ für „mein“. Organisiert wird es vom MyFest e.V.

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